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Ein Deutschlerner oder eine Deutschlernerin, der/die sich mit anspruchsvoller deutscher Literatur beschäftigt, hat mir folgende Frage gestellt (s.: hier):

Hallo Herr Mattmüller,
ich lese gerade den Roman Auslöschung vom Thomas Bernhard (TB). Für mich ist es Faszination aber zugleich ein Kampf.
TB benutzte an mehreren Stellen “der” so, dass ich nicht verstehen konnte. Hier ist ein Beispiel:
So wie den bösen Geist in die Bücherkästen, hatten sie mich, der ich in ihren Augen ein ebenso böser Geist gewesen bin, einsperren wollen in Wolfsegg. (S. 151, Z.4).
Schöne Grüße,
Hoang

Es geht also um den Gebrauch von der in diesem Beispiel:

Beispiel:
“So wie den bösen Geist in die Bücherkästen, hatten sie mich, der ich in ihren Augen ein ebenso böser Geist gewesen bin, einsperren wollen in Wolfsegg. ”

Der wird hier als Relativpronomen verwendet und leitet einen etwas ungewöhnlich aussehenden Relativsatz ein, der sich nicht (wie meist) auf ein Nomen sondern auf ein Pronomen der ersten und zweiten Person bezieht: …. mich, der ich … . (s.o. im Beispiel)

Da sich das Relativpronomen normalerweise auf ein Nomen (Bezugswort), also eine 3. Person (!) bezieht, entsteht hier das Problem, dass man das Relativpronomen nicht – wie normal – aus dem Artikel des Bezugsworts ableiten kann.

Eine ziemlich komplizierte Konstruktion hat Hoang hier also entdeckt. Aber mit ein paar einfacheren Beispielen versteht man vielleicht besser, wie diese Konstruktion funktioniert.

Vergleichen wir zuerst mit einem normalen Relativsatz. Ein normaler Relativsatz entsteht aus zwei Sätzen mit einem identischen Nomen.

Beispiel: (normaler) Relativsatz bezieht sich auf ein Nomen
Mein Freund ist eigentlich ein guter Sportler. Mein Freund hat plötzlich Probleme mit der Kondition.
-> Mein Freund, der eigentlich ein guter Sportler ist, hat plötzlich Probleme mit der Kondition.

Das Relativpronomen der leitet sich aus dem Artikel des Bezugsortes ab.

Beispiel: Bezugwsort = Freund
mein Freund – der (Freund)

Bei einem Personalpronomen als Bezugswort fehlt die Möglichkeit das Relativpronomen aus dem Artikel abzuleiten. Personalpronomen haben keinen Artikel. Deshalb wird in diesem Fall das Relativpronomen aus dem natürlichen Geschlecht (männlich bzw. weiblich) des Sprechers (1.Person = ich) bzw. des Angesprochenen (2.Person = du) abgeleitet und – wie ihr gleich sehen werdet – das Bezugspronomen nach dem Relativpronomen wiederholt.

Beispiele: Relativsatz bezieht sich auf ein Pronomen, Sprecher = männlich
Ich bin eigentlich ein guter Sportler. Ich habe plötzlich Probleme mit der Kondition.
-> Ich, der ich eigentlich ein guter Sportler bin, habe plötzlich Probleme mit der Kondition.

Beispiele: Relativsatz bezieht sich auf ein Pronomen, Sprecher = weiblich
Ich bin eigentlich eine gute Sportlerin. Ich habe plötzlich Probleme mit der Kondition.
-> Ich, die ich eigentlich eine gute Sportlerin bin, habe plötzlich Probleme mit der Kondition.

Weitere Beispiele: 2. Person = männlich
Du, der du eigentlich unsportlich bist, rennst plötzlich schneller als ich.
Du, dem ich so oft geholfen habe, lässt mich einfach im Stich.

Weitere Beispiele: 2. Person = weiblich
Du, die du eigentlich unsportlich bist, rennst plötzlich schneller als ich.
Du, der ich so oft geholfen habe, lässt mich einfach im Stich.

Und natürlich kann nicht nur das Relativpronomen, sondern auch das Bezugspronomen in allen Kasus stehen.

Weitere Beispiele: Relativsatz bezieht sich auf ein Pronomen
Der neue Kollege will mir, der ich schon zwanzig Jahre hier arbeite, erklären, wie das funktioniert.
Der Chef wollte mich, der ich schon zwanzig Jahre hier arbeite, einfach kündigen.

Mehr Leserfragen

Welche Fragen meiner Leser ich sonst noch beantwortet habe, könnt ihr hier erfahren:

Leserfragen – Deutsche Grammatik 2.0

Auf welchem Niveau sind meine Grammatikbücher? bzw. Für welches Niveau sind meine Grammatikbücher geeignet? Diese Frage stellen immer wieder Leser meiner Seiten, so wie z.B. hier:

Frage:

• michaela 19. Juli 2016, 19:35
Guten Tag!
Ich habe die beiden Bücher gekauft. Auf welches Niveau ist das (B1, B2)?
Danke

Antwort:

Ganz so einfach lässt sich die Frage – mal wieder ;) – nicht beantworten. Deshalb muss meine Antwort “leider” etwas ausführlicher ausfallen:

E-Book – “Deutsche Grammatik 2.0″

Die “Deutsche Grammatik 2.0″ ist ein Nachschlagewerk zur deutschen Grammatik, das sich bemüht die für Deutschlerner relevanten Kapitel der deutschen Grammatik möglichst einfach und verständlich darzustellen.

Einem bestimmten Niveau des Europäischen Referenzrahmens lässt sich das nur bedingt zuordnen, da es bei den Niveaudefinitionen des Referenzrahmens primär nicht um Grammatik geht, sondern um so genannte “Fertigkeiten”, also das, was der Lerner sprachlich (mit welcher Grammatik auch immer) ausdrücken kann.

Ich denke aber, dass mit der Deutschen Grammatik 2.0 (fast) alle Niveaus abgedeckt sind – zumindest von A1 bis C1. Im (oberen) Bereich von C2 gibt es sicher auch für Deutschlerner Themen, die selbst den meisten Muttersprachlern unbekannt sein dürften.

Auf diesem Niveau muss (und kann!) der Deutschlerner dann Grammatiken für Muttersprachler wie z.B. das Standardwerk Duden benützen. Umgekehrt dürfte die Benutzung einer einsprachigen Grammatik für absolute Anfänger oder Anfänger mit wenig Vorkenntnissen schwierig sein.

E-Book – “Übungsbuch Deutsche Grammatik 2.0 – Band 1 und 2″

Die beiden Übungsbücher bieten Übungen zu allen wichtigen Kapitel der Deutschen Grammatik 2.0 und sind somit auch für Lerner auf allen Stufen geeignet. Hier würde ich allerdings C2 ausnehmen, da nach C1 der Grammatikerwerb weitestgehend abgeschlossen ist.

Im Gegensatz zu eigentlich allen mir bekannten Übungsbüchern bietet das Übungsbuch Band 1 auch bei (vermeintlich?) einfachen Themen, die meist sehr früh im Deutschunterricht “gelernt” – und dann nie wieder angesprochen werden, Übungsmaterial auch für fortgeschrittene Deutschlerner.

Diese Übungen finden sich immer am Ende des jeweiligen Kapitels. Überhaupt steigt der Schwierigkeitsgrad in den einzelnen Kapiteln des Übungsbuchs nach hinten an. Wenn die Übungen am Anfang des Kapitels zu leicht sind, kann man diese also einfach weglassen. Ich habe das auch in den Benutzungshinweisen im Buch noch mal genauer erklärt.

Trotzdem finden sich im Übungsbuch Band 1 natürlich mehr Übungen für Anfänger (A1/A2) und fortgeschrittene Anfänger (B1), während das Übungsbuch Band 2 hauptsächlich Grammatikthemen für Fortgeschrittene (B2/C1) behandelt.

Weitere häufige Fragen zu meinen E-Books habe ich hier beantwortet: Häufige Fragen zu meinen E-Books

Regel für einteilige Verbformen

“Im Nebensatz steht das Verb am Ende”, diese vergleichsweise einfache Regel lernt man meist schon ziemlich früh im Deutschkurs. Was am Anfang einfach aussieht, wird mit der Zeit gelegentlich aber doch etwas schwieriger.

Das liegt nicht nur daran, dass man lernen muss, welche Konnektoren (Konjunktionen, Satzverbindungen) Nebensatz- bzw. Hauptsatzkonnektoren sind. Ein einfaches Beispiel sind die kausalen Konnektoren “weil” (Nebensatz) bzw. “denn” (Hauptsatz).

Beispiel: Haupt- vs. Nebensatzkonnektor
Nebensatz: Ich bleibe heute zu Hause, weil ich krank bin.
Hauptsatz: Ich bleibe heute zu Hause, denn ich bin krank.

Regel für mehrteilige Verbformen

Die Regel wird auch dadurch komplizierter, dass die Verbform häufig nicht nur aus einem Verb, sondern aus Verb plus einem (oder mehr) Hilfsverb(en) und evtl. einem Modalverb besteht.

Die Regel sagt dazu, dass bei mehrteiligen Verformen, der Verbteil ans Ende des Nebensatzes wandert, der im Hauptsatz in Position 2 gestanden hat.

Beispiel: zweiteilige Verbform
Hauptsatz: Der Arzt muss das Kind operieren.
Nebensatz: Er sagt, dass der Arzt das Kind operieren muss.

Beispiel: dreiteilige Verbform
Hauptsatz: Das Kind muss operiert werden.
Nebensatz: Er sagt, dass das Kind operiert werden muss.

Die Ausnahme von der Regel

Und wie die meisten Regeln hat auch diese Regel leider eine Ausnahme. ;)

Um euch diese Ausnahme zu erklären, solltet ihr euch an die Bildung des Perfekts mit Modalverb erinnern.

Standardsprachlich wird das Perfekt bei den Modalverben mit dem Präsens des Hilfsverb haben, dem Infinitiv des Modalverbs (nicht mit dem Partizip II!) und dem Infinitiv des Vollverbs („zweimal Infinitiv“) gebildet.

Beispiel:
Präsens: Der Arzt muss das Kind operieren.
Perfekt: Der Arzt hat das Kind operieren müssen.

Der Infinitiv von “müssen”, der hier anstelle des Partizips II (“gemusst”) zur Perfektbildung verwendet wird, wird auch als Ersatzinfinitiv (=Ersatz für das Partizip II) bezeichnet. Siehe dazu: Die Konjugation der Modalverben: Perfekt

Und wenn in einer Verbform der Ersatzinfinitiv mit einem anderen Infinitiv zusammentrifft, lautet die Regel vereinfacht gesagt so:

“Das Hilfsverb steht immer vor den beiden Infinitiven” – also auch im Nebensatz. (!)

Beispiel: Perfekt Aktiv
Hauptsatz: Der Arzt hat das Kind operieren müssen.
Nebensatz: Er sagt, dass der Arzt das Kind hat operieren müssen.

Das gilt auch für den Infinitiv Passiv.

Beispiel: Perfekt Passiv
Hauptsatz: Das Kind hat von dem Arzt operiert werden müssen.
Nebensatz: Er sagt, dass das Kind von dem Arzt hat operiert werden müssen.
(“operiert werden” = Infinitiv Passiv)

Selbstverständlich stammt diese Regel nicht von mir. ;) Wer an meinen Ausführungen zweifelt, kann das im Duden, Band 4, “Die Grammatik”, 8. Auflage auf den Seiten 472 – 476 bzw. unter den Nummern 679 – 687 nachlesen.

Welche Fragen meiner Leser ich sonst noch beantwortet habe, könnt ihr hier erfahren:

Leserfragen – Deutsche Grammatik 2.0